BEGRIFF
Die Deckgeschichte
Die Deckgeschichte kommt immer danach, nie davor. Sie ist die Erklärung, die nach dem Verhalten geliefert wird: der frühe Termin am nächsten Morgen, die Erkältung, die volle Woche, die Nachricht, die im Verlauf untergegangen ist. Nichts davon muss erfunden sein, damit es eine Deckgeschichte ist, und meistens ist nichts davon erfunden.
Was sie zur Deckgeschichte macht, ist nicht ihr Wahrheitsgehalt. Es ist ihre Stellung in der Reihenfolge. Sie ist der vierte Teil einer Sequenz, deren erster Teil drei bis sieben Sekunden früher gelaufen ist, und das Archiv benennt damit eine Form und spricht kein Urteil.
Wann sie eintrifft
Nach der Handlung. Manchmal zwei Sekunden danach, im selben Atemzug, manchmal am nächsten Tag, wenn jemand nachfragt. Der Abstand schwankt stark, die Stelle in der Abfolge nie: erst das Körpersignal, dann die Erzählung, dann das Verhalten, dann die Erklärung dafür.
Sie braucht dabei nicht einmal ein Gegenüber. Ein großer Teil aller Deckgeschichten wird nie ausgesprochen, sondern nur gedacht, auf dem Weg zur Küche, in der Zeile, die nicht abgeschickt wird. Das ist der Beweis, dass sie nicht in erster Linie an andere gerichtet ist.
[MUSTERKARTE]
Körpersignal, Erzählung, Verhalten, Deckgeschichte. Vier Teile, immer dieselbe Reihenfolge.
Die Erzählung kommt vor der Handlung und begründet, was gleich passieren wird.
Die Deckgeschichte kommt nach der Handlung und erklärt, was schon passiert ist.
Warum sie fast immer gut gebaut ist
Weil sie aus echtem Material besteht. Der Termin am nächsten Morgen findet wirklich statt. Die Woche ist wirklich voll. Die Nachricht ist wirklich untergegangen, das lässt sich sogar nachsehen. Eine Deckgeschichte, die aus Erfundenem gebaut wäre, würde einmal funktionieren und danach nie wieder.
Dieses Archiv nimmt deshalb von vornherein an, dass deine gut gebaut ist, und es nimmt an, dass sie stimmt. Beides ist keine Höflichkeit, sondern die genauere Beschreibung. Wer eine Deckgeschichte für eine Erfindung hält, sucht an der falschen Stelle nach ihr und findet sie nie, weil sie sich von einem Grund an keiner einzigen Stelle unterscheidet.
Wahrscheinlich ist dir beim Sagen nichts aufgefallen, und dabei gab es auch nichts zu bemerken. Es klang wie ein Grund, weil es einer ist. Es kam nur nach dem, was es begründet.
Warum das Archiv dieses Wort genommen hat
Weil es aus der Spionage kommt und nicht aus dem Streit. Eine Deckgeschichte ist im Fach ein sorgfältig gebautes, in sich stimmiges Stück Auskunft, das jeder Prüfung standhält. Genau das ist die Beschreibung, die hier gebraucht wird, und sie enthält nichts über die Person, die sie liefert.
Die beiden naheliegenden Wörter tun das nicht. Wer Ausrede sagt, sagt mit, dass jemand es besser wusste und trotzdem etwas vorgeschoben hat. Wer Alibi sagt, holt einen Gerichtssaal in den Satz, und ein Gerichtssaal braucht eine Tat, die verhandelt wird. Beide Wörter fällen ein Urteil, bevor irgendetwas beschrieben ist.
Für diese Arbeit wäre das nicht nur unfreundlich, es wäre unbrauchbar. Ein Wort, das den Leser beschuldigt, wird beim Lesen abgewehrt, und ein abgewehrter Begriff beschreibt nichts mehr. Deckgeschichte lässt sich anschauen, ohne dass man sich dabei verteidigen muss, und nur was sich anschauen lässt, lässt sich auch aufschreiben.
Wie sie sich von der Erzählung unterscheidet
Durch die Richtung. Die Erzählung ist der Satz, den der Kopf kurz nach dem Signal liefert, und sie zeigt nach vorn: sie begründet, was gleich getan wird. Die Deckgeschichte zeigt zurück: sie ordnet ein, was bereits getan wurde.
Beide klingen wie Gründe, und beide sind Teile derselben Sequenz. Der praktische Unterschied liegt darin, was du mit ihnen machen kannst. Die Erzählung läuft innerhalb des Fensters ab und ist damit erreichbar. Die Deckgeschichte liegt hinter dem Fenster, und dort ist nichts mehr zu trennen.
Was sie kostet, wenn sie stehen bleibt
Sie schließt die Akte. Ein Vorfall, für den es eine ausreichende Erklärung gibt, wird nicht mehr notiert, und was nicht notiert wird, taucht in keiner Reihenfolge auf. Auf diese Weise können zwanzig Wiederholungen desselben Musters nebeneinander liegen, jede einzeln erklärt, ohne dass jemand sie je zusammen gesehen hat.
Was dabei verloren geht, sind Angaben und nicht Ansehen. Es steht nichts auf dem Spiel, was verteidigt werden müsste. Verloren geht nur der Satz, der zwei Sekunden vor der Handlung gestimmt hätte, und genau dieser Satz ist der einzige, aus dem sich beim nächsten Mal etwas machen lässt.
Was du damit anfängst
Nichts streichen. Die Deckgeschichte muss nicht widerrufen werden, weder vor anderen noch vor dir selbst, und der Versuch, sie zu widerlegen, führt regelmäßig in eine Stunde, die niemand zurückbekommt. Sie stimmt ja.
Was hilft, ist eine zweite Zeile darunter. Nicht als Berichtigung, sondern als zweite Angabe zum selben Vorfall, und die Frage dafür ist immer dieselbe: was war zwei Sekunden vorher im Körper. Nach fünf solchen Einträgen liegt auf dem Papier, welche der beiden Zeilen jedes Mal anders lautet und welche jedes Mal gleich bleibt.
[FELDAUFGABE]
Lass die Deckgeschichte stehen, wörtlich, so wie du sie gesagt oder gedacht hast.
Schreib eine Zeile darunter: die Uhrzeit und die Stelle im Körper, zwei Sekunden vor der Handlung.
Nach fünf Vorfällen wechselt die obere Zeile jedes Mal und die untere fast nie. Das ist der ganze Befund.
Fragen, die mit dieser ankommen
Was ist die Deckgeschichte?
Die Erklärung, die nach dem Verhalten geliefert wird und plausibel klingt. Sie ist der vierte Teil des Schaltkreises, nach Körpersignal, Erzählung und Handlung. Das Archiv benennt damit eine Form und spricht kein Urteil.
Heißt das, ich lüge?
Nein, und diese Seite behauptet es an keiner Stelle. Eine Deckgeschichte besteht fast immer aus zutreffenden Angaben, richtig erinnert und richtig wiedergegeben. Das Einzige, was über sie gesagt wird, ist, dass sie nach der Handlung eingetroffen ist.
Warum nicht einfach Ausrede oder Alibi?
Weil beide Wörter ein Urteil mitliefern, bevor irgendetwas beschrieben ist. Ausrede sagt, jemand habe es besser gewusst und trotzdem etwas vorgeschoben. Alibi holt einen Gerichtssaal in den Satz, und ein Gerichtssaal braucht eine Tat. Deckgeschichte kommt aus der Spionage und beschreibt nur, wie sauber etwas gebaut ist.
Was ist der Unterschied zur Erzählung?
Die Richtung. Die Erzählung kommt kurz nach dem Signal und begründet, was gleich passieren wird. Die Deckgeschichte kommt nach der Handlung und ordnet ein, was schon passiert ist. Die eine liegt im Fenster und ist erreichbar, die andere liegt dahinter.
Woran erkenne ich meine eigene?
An der Reihenfolge und nicht am Inhalt. Frag nicht, ob es stimmt, sondern wann der Satz zum ersten Mal da war. Wenn er nach der Handlung kam und die Handlung ohne ihn genauso stattgefunden hätte, hast du eine Deckgeschichte vor dir.
Was ist, wenn der Grund wirklich stimmt?
Dann stimmt er, und das bleibt so. Ein zutreffender Grund und eine Deckgeschichte schließen einander nicht aus, weil das eine eine Aussage über den Inhalt ist und das andere eine über den Zeitpunkt. Die meisten Deckgeschichten in diesem Archiv sind wahr.
Kann eine Deckgeschichte für mich allein bestimmt sein?
Sehr oft ist sie das. Ein großer Teil wird nie ausgesprochen, sondern nur gedacht, auf dem Weg durch die Wohnung oder in einer Zeile, die nicht abgeschickt wird. Sie richtet sich zuerst an dich und erst danach an jemand anderen.
Muss ich die Deckgeschichte gegenüber anderen zurücknehmen?
Nichts hier verlangt das. Sie zu widerlegen ändert an der Sequenz nichts und kostet meistens einen Abend. Was etwas ändert, ist eine zweite Zeile im eigenen Logbuch, und die liest niemand außer dir.
Warum fällt sie mir erst hinterher auf?
Weil sie sich an keiner Stelle von einem Grund unterscheidet. Sie klingt beim Sagen wie ein Grund und beim Erinnern immer noch. Auffällig wird nicht der einzelne Satz, sondern dass fünf Vorfälle fünf verschiedene gute Gründe hatten und dasselbe Körpersignal.
Was verliere ich, wenn ich sie stehen lasse und sonst nichts tue?
Angaben, nicht Ansehen. Ein Vorfall mit ausreichender Erklärung wird nicht mehr notiert, und was nicht notiert wird, taucht in keiner Reihenfolge auf. So liegen zwanzig Wiederholungen desselben Musters einzeln erklärt nebeneinander, ohne je zusammen gesehen worden zu sein.
Haben alle neun Muster eine Deckgeschichte?
Alle neun, und sie klingen sehr unterschiedlich. Bei dem einen Muster heißt sie, es sei gerade viel los. Bei einem anderen, es sei nicht so gemeint gewesen. Bei einem dritten, die Arbeit sei noch nicht so weit. Der Bau ist jedes Mal derselbe.
Wo steht, wie die Deckgeschichte meines Musters aussieht?
In der Akte deines Musters, neben dem Körpersignal und der Erzählung. Sie steht dort in derselben offenen Form wie hier: die Stellung in der Abfolge genau, die Oberfläche gar nicht, damit du deine eigene einsetzen kannst.
DAS ARCHIV
Jede der neun Akten benennt die Deckgeschichte ihres Musters neben dem Signal, das ihr vorausging. Was hier auf Deutsch schon offen ist und was noch nicht, steht an der Tür.
Was auf Deutsch da ist9 MUSTER / 4 TÜREN / OHNE BEZAHLSCHRANKE